1. Reparadius
  2. Blog
  3. Gebrauchte Fahrräder
  4. Blogartikel
Teilen

Der Unterschied zwischen „Refurbished“, „instand gesetzt“ und „durchgesehen“

Der Unterschied zwischen „Refurbished“, „instand gesetzt“ und „durchgesehen“ - Reparadius
Schraubenschlüssel (Bildquelle: Preussler)

Lesezeit ca. 8 min

Wenn Sie gerade nicht genug Geld für ein neues Fahrrad haben, was in Zeiten der Inflation in den besten Familien vorkommt, werden Sie über ein gebrauchtes Rad nachdenken. Dabei sprechen wir hier nicht von Billigrädern aus dem Baumarkt oder von Versendern. Die sind oft schon nach kurzer Nutzung nicht mehr zu gebrauchen. Die Rede ist in diesem Beitrag von Rädern des mittleren und oberen Preissegmentes, also von Neupreisen von mehr als 800 - 1000 Euro.

Was spricht für den Kauf eines gebrauchten „besseren“ Rades? Warum kein neues Fahrrad für denselben Preis kaufen? Es liegt an den Einzelteilen, aus denen das Rad besteht. Bei qualitativ hochwertigen Rädern haben die Bestandteile generell eine höhere Lebensdauer als die bei Billigrädern.

Beispiel Kurbel: Das sind die vorderen, grossen Zahnräder mit den Pedalen. Der Unterschied zwischen gut und schlecht: Bei einer schlechten Kurbel sind die Kettenblätter aus Stahl, aus Blech ausgestanzt, die einzelnen Kettenblätter sind miteinander vernietet. Diese Blätter reissen ein. Und ist ein Zahnrad abgenutzt, muss die gesamte Kurbel ausgetauscht werden. Die gute Kurbel ist aus Aluminium und daher leichter. Auch die Kettenblätter sind aus Alu und austauschbar. Dieser Vergleich lässt sich an allen Bestandteilen des Rades fortsetzen.

Eine Billig-Kurbel, Modell FC-MT101 von Shimano. Die Kettenblätter sind aus Stahl und vernietet. Verkaufspreis: ca. 20 - 30 Euro. Gewicht: 1040 Gramm. Hält nicht lange. Ist ein Zahnrad abgenutzt, muss das gesamte Bauteil getauscht werden. Keine nachhaltige Lösung. (Bildquelle: Shimano Deutschland)

Die bessere Kurbel, Modell Impact von Stronglight. Das Ganze ist aus Aluminium. Die Kettenblätter sind einzeln tauschbar. Gegenüber der Billig-Kurbel eine Gewichtseinsparung von 270 Gramm. Verkaufspreis: ca. 100 bis 150 Euro. (Bildquelle: Stronglight France)

Das will nicht heissen, dass ein höherpreisiges Rad ewig hält. Auch hier ist Pflege und Wartung notwendig. Also müssen nach einer gewissen Zeit die Verschleissteile ersetzt werden, was von der Laufleistung abhängt, d.h. wieviel mit dem Rad gefahren wurde.

Was sind Verschleissteile?
Das sind die Teile, die sich bei Gebrauch abnutzen. An erster Stelle stehen die Bremsbeläge. Beim Kauf eines gebrauchten Rades sollten Sie darauf achten, dass diese neu sind. Das ist das Mindeste, was vom Verkäufer erwartet werden kann. Wurden die Bremsbeläge nicht erneuert, ziehen Sie als erstes mindestens 30 Euro vom Verkaufspreis ab.

An zweiter Stelle die Reifen, Schläuche und Felgen. Alte Reifen haben kleine Risse an der Seite. Die können Sie sehen. Diese Reifen werden nicht mehr allzulange halten. Ein Hinweis auch auf den Zustand der Schläuche. Die sind wahrscheinlich ebenso alt wie die Reifen. Wenn Sie Risse sehen, können Sie getrost für beide Laufräder zusammen 50 Euro vom Verkaufspreis abziehen.

An dritter Stelle steht der Antriebsstrang. Das sind: Kette, Ritzel hinten, Kettenblätter vorne. Bei Rennrädern können Sie sich die einzelnen Zähne der Zahnräder ansehen. Wenn die spitz oder kurz sind, ist das Zahnrad kaputt. Oft ist das kleinste Zahnrad hinten ausgelutscht. Sie merken es daran, dass die Kette in den grossen Gängen springt oder es komisch knackt. Bei Nabenschaltungen ist das Problem kleiner. Hier geht es meist nur um die Kette. Den Antriebsstrang zu erneuern, kostet bei einem Rennrad mindestens 100 Euro. Wenn also die Schaltung nicht richtig funktioniert, sollten Sie nicht daran glauben, dass es nur an der Einstellung liegt. Möglicherweise sind die Einzelteile an der Verschleissgrenze. Hier nun die Übersicht der Begrifflichkeiten. Was ist was?

Durchsicht
Die niedrigste Stufe der Instandsetzung ist „durchgesehen“. Was wird hier gemacht? Der Verkäufer begutachtet das Rad, stellt Schaltung und Bremsen neu ein, pumpt die Reifen auf und mit etwas Glück putzt er es dann noch. Hier werden in der Regel keine Teile ersetzt, sondern vorhandene Teile eingestellt. Das Fahrrad ist hinterher betriebssicher, jedoch: Reifen und Schläuche sind alt. Die Bremsen können kurz vor der Verschleissgrenze sein. Die Schaltung funktioniert, die Kette kann jedoch verschlissen sein. Zusammengefasst: Das Fahrrad funktioniert gerade so. Die Kosten für den privaten Verkäufer? Nur der Arbeits-Einsatz. Beim gewerblichen Händler kommen noch ca. 40 Euro Arbeitslohn hinzu.

Instandsetzung
Die Grenzen zur Durchsicht sind fliessend. Jedoch wird im Falle einer Instandsetzung davon ausgegangen, dass ggf. verschlissene Teile ersetzt werden. Das wären also die Reifen und Schläuche. Die Kette. Vielleicht die Lenkergriffe oder das Lenkerband. Die Bremsgummis oder Bremsbeläge. Ein rostiger Bremszug. Die Kosten für den Verkäufer? Private Verkäufer investieren 100 Euro für die Teile, beim Reparaturbetrieb kommen noch 50 Euro Arbeitsleistung hinzu, in Summe also 150 Euro.

Refurbished
Die höchste Stufe der Instandsetzung – was neuere Fahrräder betrifft. Das Produkt wird fast in Neuzustand versetzt. Natürlich gibt es noch Lackkratzer, aber die Verschleissteile sind ersetzt. Die Bezeichnung „refurbished“ wird nur bei sehr jungen Artikeln verwendet, d.h. Produkte, die nicht älter als 2-3 Jahre sind. Dies sind im Bereich Fahrrad meist Leasingrückläufer oder fast neue Mieträder.

Ein konkretes Beispiel von rebike.com. Ein elektrisches Gravelbike, das refurbished 2200 Euro kostet. Der Neupreis lag bei 3000 Euro. Angegeben wir dort, dass diese Teile gewechselt wurden: Kette, Pedale, Kassette, Ladegerät, Lenker, Scheibenbremsen. Die kalkulierten Kosten inkl. Arbeit belaufen sich dafür auf ca. 600 - 700 Euro. Dabei sind die Laufleistungen der verkauften Räder gering.

Ein elektrisches Bike von Ridley (belgischer Hersteller), im Angebot von rebike.com. Ca. 1 Jahr alt, refurbished, gerade mal 100 km laut Angabe gefahren. Neupreis 4300 Euro, jetzt für 2700 Euro. Gespart: 1600 Euro. Nachteile? Keine erkennbar. (Bildquelle: Rebike.com)

Restauriert
Ist das Fahrrad älter als vielleicht 5 Jahre, ist der Begriff „refurbished“ eher irreführend, da von neueren Rädern ausgegangen wird. Hier würde man sagen, dass das Rad „in den Neuzustand“ versetzt wurde. Wenn es älter als ca. 20 Jahren ist, kann man von einer Restaurierung sprechen. Doch gibt es hier unterschiedliche Lehrmeinungen. Die eine Fraktion spricht von restauriert, wenn das Gerät wie frisch aus dem Laden daherkommt. Die andere Fraktion besteht darauf, das ein orginaler optischer Eindruck (mit Gebrauchsspuren) beibehalten wird und nur die Technik in einen gebrauchsfähigen und zuverlässigen Zustand versetzt wird.

Wie hoch sind die Kosten hier? Ein Beispiel: Ein 30 Jahre altes Scott MTB. Der Zustand vor der Restaurierung: Die Laufräder: Kaputt. Der Antriebsstrang ebenfalls. Alle Züge hinüber. Die Pedale kaum mehr vorhanden. Reifen und Schläuche? Sprechen wir nicht darüber. Die Restaurierung kostete 500 Euro. Hier ist der Kaufpreis für das ursprüngliche Wrack noch nicht dabei. Wenn Sie das Rad haben wollen – vielleicht weil Sie damals ein solches hatten – müssen Sie hier mit mindestens 600 Euro rechnen. Dafür ist das Gerät allerdings so gut wie neu, abzüglich der Lack-Schrammen. Dieser Preis ist ein Händler-Preis. Beim Kauf von Privat ist nicht davon auszugehen, dass derart umfangreiche Maßnahmen getätigt wurden. Es kostet dann weniger als die Hälfte, ist jedoch in aller Regel Schrott.

Ein restauriertes Scott MTB von 1990. In Neu-Zustand. Die Kosten für Teile und Arbeit: 500 Euro. (Bildquelle: Preussler)

Fazit
Wenn Sie ein Laie sind, kaufen Sie am sichersten bei einem Händler mit Werkstatt bzw. mit Servicegarantie. Der kennt sich aus und gibt auch eine Garantie auf das Rad, was beim privaten Kauf trotz gesetzlicher Vorgaben meist nicht der Fall ist. Sprechen Sie mit dem Verkäufer und fragen Sie, was an dem Fahrrad gemacht wurde. Kaufen Sie Mainstream, und nichts Super-Spezielles. Mainstream ist Sicherheit in der Wartung und Sicherheit, falls Sie es wieder verkaufen wollen. Und: Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl.

(Christoph Preussler)

Diesen Reparadius Beitrag empfehlen:

Interessante Fahrradwerkstätten

Premium

Hier werden Premium Fahrradwerkstätten angezeigt.

mehr zu Premium